Ich, Du, wir? Wie Erziehung durch Resonanz funktioniert

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„Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Dieses Zitat von Martin Buber zeigt die immense Rolle, die Eltern bei der Entwicklung der Persönlichkeit ihrer Kinder spielen. Dieses sogenannte innere Selbst entsteht dadurch, dass die wichtigsten Bezugspersonen ihre Themen über Resonanzvorgänge in den Säugling hineinspielen und ihm später im Kindheits- und Jugendalter interessante Angebote bieten. Dies zeigt auch die moderne Hirnforschung.

Alles, was sich Menschen sagen – und dies gilt ganz besonders für alles, was Eltern ihren Kindern mitteilen und mitgeben – kann beim Empfänger gewaltige biologische Wirkung entfalten. Signale sagen den Kindern, den Jugendlichen wer sie sind. Die Vorstellung, Kinder entwickelten ihre Persönlichkeit von alleine, ist ein Irrtum. Kinder brauchen weit über das Kindesalter hinaus Unterstützung und Förderung, um Möglichkeiten für die individuelle Weiterentwicklung zu entdecken.

Wenn wir uns also fragen, warum ein Kind keine Begabung entwickelt, warum es nicht an sich glaubt oder umgekehrt nur so vor Selbstbewusstsein strotzt, hat es immer etwas mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen zu tun, die sein Selbst prägen. Verstehen wir, wie dieses Selbst entsteht, können wir in vielen Bereichen unsere Kinder auch besser verstehen und erkennen, was sie brauchen, damit sich ihr Selbst durch unser Zutun gut entwickelt.

Wenn unsere Kinder auf die Welt kommen, können sie zwar fühlen und spüren, haben aber noch kein entwickeltes Selbst. Auch die dazugehörigen neuronalen Netzwerke sind zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht gebildet, sie entstehen erst aus der Interaktion und der Resonanz mit den für das Kind wichtigsten Bezugspersonen. Je weiter sich die Kinder entwickeln, je älter sie werden, desto stärker wird dieses Selbst zu einem Akteur, der mit beeinflusst, was mit ihm geschieht, entwickelt ein Gefühl dafür, was es ablehnt und was zu ihm passt. Dieses Bewertungssystem wiederum entsteht ebenfalls auf der Basis der Resonanzphänomene. Der Neurowissenschaftler und Psychotherapeut Joachim Bauer erklärt, was die Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften für unsere Leben und für die Erziehung unserer Kinder bedeuten.

Er bezeichnet den anderen Menschen als die stärkste Droge für jeden Menschen: „Das tut man nicht, was sagen da die Nachbarn“, sind Sprüche, die wohl jeder kennt. Heute sind die sozialen Netzwerke und Klassenkameraden für Kinder die wichtigeren Resonanzelemente, am Grundprinzip hat sich dabei nichts geändert.

Diese Wirkung ist nicht immer offensichtlich, eher schleichend und unmerklich halten die Bewertungen anderer Einzug in unser eigenes Bewertungssystem, wir verändern uns. Wer nicht wie eine Marionette an Fäden geführt durchs Leben gehen will, sollte dieses Resonanzphänomen verstehen, dem wir lebenslang ausgesetzt sind.

Wie funktioniert Resonanz?

Ganz einfach, wie bei zwei Saiteninstrumenten in einem Raum: Wird auf der einen die E-Saite angespielt, erklingt auch bei der zweiten Geige ein E, ohne dass jemand die Saite berührt.

Dem Baby fehlt nach der Geburt die Orientierung. Die Motorik ist nicht ausgebildet, die Wahrnehmung unscharf. Es kann nicht unterscheiden zwischen sich selbst und der Außenwelt. Die Eltern nehmen den Blick auf und gehen so mit dem Säugling in Resonanz. Alle Eltern kennen dieses Spiel der Imitation, das einsetzt, wenn Stimmungen zurückgespiegelt werden und durch diese Spiegelung und Resonanz der Kontakt zum Kind entsteht und sich festigt.

Signale wie Blicke, Mimik, Laute erzeugen im Erwachsenen aber nur dann Resonanz, wenn er seine Aufmerksamkeit auf den Säugling gerichtet hat und diese wahrnimmt. Wenn die Bezugsperson lediglich im gleichen Raum sitzt, aber mit anderen Dingen beschäftigt ist, verpufft sie.

Neuronale Netzwerke werden gebildet, wenn Gefühle wie Angst, Freude, Schmerz oder Ekel wahrgenommen werden. Nicht nur, wenn das Kind selbst diese Gefühle erlebt, sondern auch, wenn sie diese bei anderen wahrnimmt.

Was das Baby dann in der frühesten Kindheit über diese Spiegelerfahrungen seiner Bezugspersonen erlebt, verändert es und wird zum Kern seines Selbst. Es sind die Selbst-Elemente der anderen, die sein eigenes Selbst prägen: Vorstellungen, Haltungen, Zukunftserwartungen, Vorlieben, Abneigungen, Prägungen der Eltern finden Eingang in das Kind. Das Stirnhirn, das zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht ausgebildet ist, durchläuft den neurobiologischen Reifeprozess und wird zum Sitz dieses Selbst-Netzwerkes.

Jedes Kind wächst also in ein bestimmtes soziales Umfeld hinein, eine bestimmte Atmosphäre, die ausschließlich durch die Menschen darin geprägt ist. Was Bezugspersonen zurückmelden, wird zur Realität des Kindes. Dies kann zu einer fröhlichen, anregenden Kindheit, aber natürlich auch zu Verhaltensauffälligkeiten führen, wenn Eltern beispielsweise überfordert sind.

Auch wenn wir diese Abhängigkeit später einmal ablehnen, der Versuch dieses in uns verankerte Du der Eltern loszuwerden, wird uns niemals gelingen. Das zu akzeptieren fällt nicht immer leicht.

Der Wunsch nach Eigenständigkeit

Schon mit zwei Jahren setzt beim Kind dann der Wunsch nach Autonomie ein. Damit beginnt ein lebenslanger Prozess, in dem wir stets zwischen Zugehörigkeit/Abhängigkeit und Eigenständigkeit hin und her gerissen sind. In der Pubertät ist dies das zentrale Drama der Entwicklung der Jugendlichen.

Zugehörigkeit und Eigenständigkeit sind nur scheinbar widersprüchlich: Sobald das Kind eine verlässliche Bindung spürt, fängt es an eigenständig zu werden und die Welt zu entdecken. Dabei überspannen die Kinder gerne den Bogen und bringen sich auch in Gefahr, wenn die Eltern sie nicht schützen.

Das Kleinkind testet Grenzen aus, entwickelt seinen eigenen Willen und sagt NEIN. Auch diese Entwicklung wird von der Herausbildung der entsprechenden Netzwerke im Gehirn begleitet.

Jetzt besteht die Rolle der Eltern darin, die Gefahren realistisch einzuschätzen und den Kindern bei Bedarf Grenzen zu setzen. Dabei hilft der Spracherwerb, bei dem ebenfalls mittels Spiegelung und Resonanz gearbeitet wird. Das Kind lernt, die Perspektive anderer einzunehmen, Regeln zu beachten und sich zu bremsen, soweit es das gute soziale Zusammenleben erfordert.

Erziehung ist dabei nicht gegen die Entfaltung des Kindes gerichtet, sondern fördert Realismus und sozial verträgliches Verhalten. Freundlich korrigierend, immer als gutes Vorbild entwickeln Eltern das Potenzial ihrer Kinder, die Perspektive der anderen einzunehmen. Gruppenprozesse im Kindergarten sind dabei eine wichtige Erprobungsphase.

Wollen die Eltern Zugang zum Selbst des Kindes finden, wollen sie die Rolle eines nahestehenden wichtigen Mentors einnehmen, ist es wichtig zunächst einfach nur geduldig zuzuhören, präsent zu sein und alles, was da kommt auszuhalten und stehen lassen zu können, ohne gleich in eine Bewertung zu gehen.

Das Motivationssystem im Gehirn entsteht im nächsten Entwicklungsschritt und dafür ist es wichtig, dass es einige wenige Personen gibt, an die sich die Heranwachsenden vertrauensvoll wenden können, von denen sie sich auch dann geliebt fühlen, wenn etwas nicht gelingt, wenn sie Fehler machen. Störungen in der Beziehung zu nahen Bezugspersonen habe Auswirkungen auf dieses Motivationssystem und können zu verändertem, negativem Verhalten führen.

Inspiration und Selbstverantwortung

Um die Eigenständigkeit angemessen verwirklichen zu können, braucht es Inspiration und Anregungen auf diesem Weg. Wird ein Kind ständig gestoppt und kann es keine neuen Möglichkeiten entdecken, tut es sich schwer. Eltern oder andere Mentoren unterstützen die Heranwachsenden, indem sie ihnen Angebote machen und sie fördern. Genauso wichtig ist es, ihnen etwas zutrauen und bestimmte Dinge, ein bestimmtes Wachstum abzuverlangen.

Wenn also Eltern stets versuchen, für ihre Kinder alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen und ihnen alles zu ermöglichen, werden sie diesen Anforderungen nur zum Teil gerecht. Nicht nur Helikoptereltern dürfen lernen, ihre Kinder möglichst früh, möglichst viel selbständig machen zu lassen. Sie nicht ständig zu begleiten, um ihnen Fehler zu ersparen.

Wir wissen es alle, vergessen es bei den eigenen Söhnen und Töchter aber gerne: Nur aus Fehlern wird man klug.  Wer seinem Kind nichts zutraut und genau vorschreibt, was es wann zu tun hat, braucht sich nicht über mangelnde Motivation und Orientierungslosigkeit bei Jugendlichen zu wundern.

Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, ständig die Komfortzone zu erweitern indem Neues ausprobiert und entdeckt wird. Dabei auf die Nase zu fallen, das Krönchen zu richten und wieder aufzustehen, das ist für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit fundamental wichtig. Nur so entstehen Motivation, Leidenschaft, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Ausdauer beim Erreichen von neuen Zielen.

Denn: Parallel wie sie dem Zustand einer hilflosen frühen Kindheit entwachsen, bildet sich die Fähigkeit heraus, selbst für sich zu sorgen und sich dabei auch selbst zu begegnen. Heranwachsenden und Erwachsenen gelingt das nicht immer, dann flüchten sie sich häufig in die permanente Ablenkung beispielsweise durch digitale Medien, Arbeit oder auch Sport.

Eltern haben besonders in der Pubertät eine wichtige Rolle zwischen Loslassen und weiterhin Präsentsein und Dableiben, falls der Versuch schief geht.  Dann bilden sie den sicheren Anker, Unterstützung egal, was kommt.

Schwierig wird es, wenn Eltern ihre Kinder sehr lange nicht loslassen, um sie anschließend regelrecht aus dem Nest zu kicken oder eine gesunde Abnabelung zu lange oder dauerhaft zu verhindern suchen. Der gelungene Ablösungsprozess ist Basis für ein eigenständig gesundes Leben der Heranwachsenden.

Auch dafür ist Balance gefragt: Ganz ohne Vorgaben und Regeln entwickeln die Jugendlichen keine gesunde eigenständige Persönlichkeit, sie werden aggressiv oder depressiv, weil sie mit dem Leben nicht klarkommen. Eine gesunde Resonanz mit den Werten, Haltungen der Eltern, das Heranführen an Wissen und die Vermittlung von Kompetenzen sowie das Einfordern von bestimmten Dingen gibt ihnen Halt und die Möglichkeit, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

Für Eltern ist es in dieser Phase hilfreich sich klarzumachen, dass Widerstand und Auseinandersetzung bei der Entwicklung der Persönlichkeit unerlässlich sind. Kinder reiben sich genau an den Menschen, die ihnen besonders wichtig sind, von denen sie sich abnabeln und abgrenzen wollen, auf deren Wertebasis ihre eigene Persönlichkeit entsteht.

Vermeintlich gut gemeinte Freiräume schwächen das Selbstbewusstsein, die Resonanz fehlt, um das eigene System weiter auszubilden. Frei und eigenständig werden sie dann, wenn sie vorher eine gesunde Bindung erlebt haben.

Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit ist für einen guten Start in ein selbständiges, glückliches Leben wichtiger als ohne große Schwierigkeiten mit perfekten Noten ein Schulsystem zu durchzulaufen. Nach der Ausbildung sind nämlich keine glatten Lebensläufe ohne Ecken und Kanten mehr gefragt, da schauen Firmen gerne auf individuelle Stärken und Vorlieben.[/et_pb_text][/et_pb_column]
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